Viele Menschen kennen ja die Geschichte, wie die Israeliten seinerzeit die Stadt Jericho belagert haben, aber gegen die dicken Stadtmauern nicht ankamen. So zogen sie eine ganze Woche lang um die Stadt herum, bliesen dabei ihre Posaunen – eigentlich ihre Schofaroth, also ihre Schofarhörner, die vornehmlich aus Widderhorn gefertigt waren – und schließlich stürzten die Mauern durch den Schall und natürlich durch Gottes Hilfe zusammen, so dass Jericho eingenommen werden konnte.
Wenngleich diese Geschichte, wie viele Überlieferungen, einen wahren Kern enthält, so hat es sich doch damals etwas anders zugetragen: Zunächst war Jericho zu dieser Zeit eine blühende Kleinstadt, in der rauschende Feste gefeiert wurden und die auch touristisch viel zu bieten hatte. Der Handel florierte und in den Straßen pulsierte das Leben. Man schätzte die schönen Künste, war sich aber auch für ehrliche Arbeit nicht zu schade, von der es genügend gab. Die ganze Stadt war umgeben mit einer schmucken, steinernen Wehrmauer, drumherum führte eine Joggingstrecke, man konnte durch pittoresk gearbeitete Stadttore hinein- und hinausflanieren und natürlich zog ein solcher Ort auch das fahrende Volk an wie ein Magnet.
So ließ sich dann auch irgendwann mal eine Horde Hippies auf dem Dorfanger nieder und schlug seine Zelte auf. Das war zunächst nichts Ungewöhnliches. Vielfach hatten Reisende dort gelagert, sind nach einiger Zeit wieder aufgebrochen und ihrer Wege gezogen. Diese jungen Leute aber wollten dort nicht wieder weg. Sie saßen den ganzen Tag vor ihren Zelten, trommelten auf Töpfen und Holzkisten, sangen bis spät in die Nacht eher schräg als schön zum Klang ihrer Lauten und Zithern und rauchten enorm viel krauses Zeug. Irgendwann wurde es den BewohnerInnen Jerichos zu bunt. Sie schimpften nicht mehr nur über die ungewaschenen, langhaarigen Läuseköppe, sondern setzten sie kurzerhand vor das nächste Stadttor.
Die Hippies reagierten mit Trotz, blieben mit ihrem ganzen Hab und Gut, sprich ihren Zelten und Musikinstrumenten, an Ort und Stelle sitzen und spielten nur um so lauter. Das rief die Bürgerschaft wiederum auf den Plan, die von den Zinnen der Stadtmauer Steine auf die Störenfriede warf. Die Musikanten fanden den Hagel nicht so prall und liefen ein paar hundert Meter die Joggingstrecke entlang, um dort, an einem anderen Teil der Mauer, mögliche Kunstgenießer ausfindig zu machen. Doch auch dort hatte man wenig Sinn für neumodische Klänge und wieder hagelte es Steine auf die armen Spielleute. Wieder mussten sie einige hundert Meter weiter ziehen, wo sich das Ganze dann erneut abspielte, und sich auch fortgesetzt noch einige Male sehr ähnlich wiederholte.
Aus dieser Zeit stammt auch die Regel, die bis heute in vielen Städten gilt, dass ein Straßenmusikant nach etwa einer halben Stunde seine Kunst an einem anderen Ort ein Stückchen weiter darbieten muss. Kaufleute haben offenbar Angst, dass zu viel „Gedudel“ vor der Tür ihnen die Kundschaft abspenstig machen könnte. Warum sie aber dann im Inneren ihrer Geschäfte wieder darauf hoffen, mit anderem seltsamem Gedudel, nämlich aus einem Lautsprecher, die Leute andererseits in Kauflaune zu versetzen, verstehe wer will.
Jedenfalls gab man sein Ansinnen in und um Jericho herum nicht auf. Über die Wochen und Monate bildete sich eine gewisse Hassliebe zwischen den Gruppen, die in eine sehr launige Tradition mündete. Die Hippies liefen einmal am Tag musizierend um die Stadt herum, knapp außerhalb der Wurfweite der meisten Einheimischen. Die wiederum standen zahlreich auf den Zinnen und versuchten, die Musikusse dennoch zu treffen. Steine gab es genug, denn die Mauer war alt und brüchig und man prokelte einfach das Wurfmaterial aus Wand und Boden. In der Regel traf man die Hippies nicht, die sich über so viel Publikum außerordentlich freuten, aber wenn es doch mal jemandem gelang, dann wurde der Werfer johlend gefeiert. Der oder die Getroffene reckte zum Zeichen eines gültigen Treffers den Arm in die Höhe, was auf der Mauer zu Jubel und Herumgehüpfe „RAPPA, RAPPA, RAPPA“ führte, wie man es auch heute noch von den Tribünen der großen Sportanlagen kennt.
Mittlerweile weiß man ja, dass eine ausgehöhlte Mauer zwar von außen optisch topp erscheinen mag, aber von innen nur noch mäßig trägt. Weiterhin weiß man, dass der Gleichschritt vieler Personen, mehr noch deren frenetisches, gleichgetaktetes Hüpfen zu enormen Erschütterungen führt. So ist es fast schon erstaunlich, dass es nicht bereits viel früher zu der Katastrophe kam, die an einem sonnigen Sonntag im Wonnemonat Mai ihren tragischen Lauf nahm. Die Hippies hatten die Stadt noch nicht einmal halb umrundet, als es unvermutet zu einem Doppeltreffer kam: Zwei Punkte für die Heimmannschaft! Unter dem ausbrechenden Jubelsturm stürzte die Mauer mit vielen Schaulustigen in die Tiefe. Die ganze Angelegenheit wirbelte entsprechend viel Staub auf. Die Krankenhäuser waren tagelang voll, ebenso die überregionale Presse. Kein Wunder also, dass zu jener Zeit die Unfallverhütungsvorschriften für Massenveranstaltungen drastisch verschärft wurden.
Am Lagerfeuer der Musikanten wurden diese Ereignisse später, teils aufgrund der üppig genossenen Kräuter, teils aus Reimzwang, dann auf eine Weise verändert, die schließlich von einem Mönch niedergeschrieben wurde und so einem größeren Leserkreis als Teil der Weltliteratur übermittelt ward. Zum Glück aber kenne ich eine Echse, die damals persönlich dabei war und daher den Irrtum aufzuklären vermochte.
"Heiter bis Wolkig"