Wir sind das nackte Tier, das gerne denkt;
ein Tier, das plant und in die Zukunft blickt,
doch auch ein Tier, das sich im Hier verstrickt;
wir sind das Tier, das Freiheit selbst beschränkt.
Wir machen uns die Erde Untertan,
erheben uns von allen andren Tieren.
Wir sind der Erde das, was uns die Viren.
Wir sind das nackte Tier in blankem Wahn.
Wir scheffeln Gelder, müssen Güter raffen.
Wir kämpfen bis aufs Blut um Grund und Boden.
Es ist kein Konsens, dass man sich benimmt.
Es ist das Feindbild, das den Weg bestimmt.
Zu Führern wählt man die mit dicken Hoden.
Wir sind und bleiben doch nur nackte Affen.
Wir sind das Tier, das Freiheit selbst beschränkt.
Vor üppiger Natur, dem Überschwange,
da wird uns seit Jahrhunderten schon bange.
Wir brauchten eine Kraft, die alles lenkt.
Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.
So haben wir uns einen Gott geboren,
ihn allmächtig gestaltet, ihn erkoren,
uns Angst zu machen, er sei immer wach.
Zu jeder Zeit wirst du von ihm belauert,
er führt zu allen deinen Taten Buch.
Hab alle Sünden vor der Zeit bedauert,
da auf dich niedersinkt das Leichentuch.
Die Gottesfurcht gehört zum großen Plan.
Wir machen uns die Erde Untertan.
Wir sind das Tier, das Freiheit selbst beschränkt,
die eigene, doch auch die vieler andern.
Man muss ja nur mal durch die Siedlung wandern,
welch Anblick das beherzte Auge kränkt:
Die Flächen vor den Häusern sind plattiert.
Da hat kein Schmetterling mehr was zu lachen.
Da darf nichts sprießen, nichts darf Arbeit machen.
Ein jeder Halm wird sofort wegrasiert.
Wir leben in der Wüste aus Beton,
bepflanzen uns mit Blumen den Balkon,
und hin und wieder folgen wir dem Drange:
Ein tiefes Sehnen lockt uns weit hinaus.
Wir stehen bass erstaunt im Tropenhaus
vor üppiger Natur, dem Überschwange.
Vor üppiger Natur, dem Überschwange,
mit dem sich mancher sein Gesicht verziert,
die Flusen wichst und pflegt, sie onduliert
mit Schere, Klinge, Schaum und heißer Zange,
verneigen wir bewundernd unser Haupt;
bewegend bringen wir es dann zum Klingen
mit Gold und Silber, das in Form von Ringen
in Haut fixiert ward, dass es keiner raubt.
Es mutet manchmal auch martialisch an,
wie man so Körper ausgestalten kann.
Die Kriegsbemalung spricht mitunter Bände.
An vieles sind wir doch gewöhnt am Ende.
Nur vor dem Ding mit linker, rechter Wange,
da wird uns seit Jahrhunderten schon bange.
Da wird uns seit Jahrhunderten schon bange,
wenn einer kommt, der etwas ändern will.
Da werden wir erst richtig laut, dann still,
erstarren wie das Mäuslein vor der Schlange.
Nun haben wir seit ehedem nur Salz
und Pfeffer auf das Spiegelei gegeben.
Dann kommt da wer daher, der mal so eben
das Ding mit Chili würzt; schon brennt der Hals.
Das Rachenfeuer weitet sich, man schenkt
sich ein, trinkt gierig, spürt‘s im Magen lärmen,
dann fortgesetztes Rumpeln in den Därmen
und ahnt bereits, man darf nicht mehr verweilen,
um noch zur rechten Zeit aufs Klo zu eilen.
Wir brauchen eine Kraft, die alles lenkt.
„Wir brauchen eine Kraft, die alles lenkt.
Es ist soweit. Die Hefte raus! Es bleiben
zwei Stunden zu berechnen und zu schreiben,
mit welcher Kraft der Mond am Erdball hängt.“
Erst hört man Rascheln, Tuscheln, leicht nervös,
dann über die Papiere Stifte schnellen,
auf Rechnern tippen, wälzen in Tabellen
und mancher betet, dass man ihn erlös.
Nur einer kauert stumm in seiner Ecke.
Es wirkt bald so, als ob er sich verstecke.
Er scheint wohl eher ausgelaugt als wach.
Nicht etwa ist er in den Test versunken,
er hatte gestern nur zu viel getrunken.
Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.
Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.
Es strebt beständig hin zu dem Genuss,
hat ständig Hunger, und zum Überdruss
hält Magenknurren ungeheuer wach.
Mal sehn, im Kühlschrank brennt bestimmt noch Licht.
Wir sollten einen schnellen Blick riskieren.
Da kann wohl kaum was Schlimmes bei passieren.
Im Zweifelsfalle waren wir es nicht!
Der Name „Wackelpudding“ klingt profan.
Es schmeichelt, wenn ich‘s recht mir überlege
die „Götterspeise“ süßer meinen Ohren.
Ist ohnehin was für den hohlen Zahn.
Nun fehlt nur noch der Grund zu diesem Wege;
so haben wir uns einen Gott geboren.
So haben wir uns einen Gott geboren,
der uns erretten soll, von dem wir hoffen,
er hält das Tor zum Himmelreiche offen,
gibt uns trotz all der Sünden nicht verloren.
Die Kommunikation ergibt sich mündlich,
die Richtung allerdings geht nur nach oben.
Wird‘s schwer, ihn selbst im Hadern noch zu loben,
sind seine Wege eben unergründlich.
Wir haben ihn den „guten Gott“ geheißen.
Er liebt die armen Narren und die Toren.
Um heimlich ihm, egal wie wir‘s verreißen,
die Schuld für unser Handeln zuzuschieben,
da haben wir, von Machtgier angetrieben,
ihn allmächtig gestaltet, ihn erkoren.
Ihn allmächtig gestaltet, ihn erkoren
zu haben, dieses Rollenspiel zu leiten,
erschien erst folgerichtig, doch beizeiten
ließ er nicht einen Spieler ungeschoren.
So lenkte er nicht nur den Spielverlauf,
er griff auch ins Geschehen ständig ein.
Die meisten von uns fanden das gemein,
und doch, da sind wir stolz, gab keiner auf.
Es schweißte uns, die Abenteurer-Mannen,
der Druck des Schicksals um so mehr zusammen.
Je öfter wir die Prüfungen gewannen,
je doller legte unser Leiter nach,
ließ einen Drachen steigen aus den Flammen,
uns Angst zu machen, er sei immer wach.
„Uns Angst zu machen, er sei immer wach,
das sollte unserm Lehrer nicht gelingen.
Er will uns in die Herbergsbetten zwingen,
doch nicht mit uns! Nur leise! Keinen Krach!
Wir schleichen uns zur Hintertür hinaus,
versammeln uns am Blockhaus auf der Wiese.
Der Alte ist zwar schlau, doch muss er diese
Veranstaltung, die wir in Saus und Braus
begehen, leider Gottes wohl verpassen.“
Doch leider, ach!, der Plan wird schnell bedauert.
Im Hinterhof steht Herbergsvaters Hund,
knurrt jeden an, der sich nur räuspert und
wird uns die Nacht nicht aus den Augen lassen.
Zu jeder Zeit wirst du von ihm belauert.
Zu jederzeit wirst du von ihm belauert:
„Hast du die Hausaufgaben wohl gemacht?
Und auch an die Projektarbeit gedacht?
Du hast doch nicht im Klassenraum gebauert?“
Er redet gern und vieles ist Geschwafel.
Mal steht er vorne, mal dir im Genick.
Durchs Klassenzimmer geht sein strenger Blick;
du weichst ihm aus … und landest an der Tafel.
Der Lehrer stellt, derweil die andern dösen,
die eine Frage; die kannst du nicht lösen
und spottet: „Welch ein kläglicher Versuch!
Zu allem fähig, und doch nicht zu brauchen!“
Er merkt‘s auch, willst du auf dem Schulklo rauchen.
Er führt zu allen deinen Taten Buch.
Er führt zu allen deinen Taten Buch.
Die bösen trägt er ein mit roten Tinten;
sie kommen dir retour, und zwar von hinten.
Er kommt ja mit Knecht Ruprecht zu Besuch.
Sie bringen Früchte, Nüsse und dergleichen,
um – je nachdem – zu strafen oder lohnen.
Im Anschluss können sie sie, die dort wohnen
für dieses Jahr von ihren Listen streichen.
So holt der Nikolaus aus seinem Sack
die Rute oder aber Leckereien.
Nur echte Reue wird er dir verzeihen,
doch sicher kein gemeines Lumpenpack.
Ein Rat für den, der auf Geschenke lauert:
Hab alle Sünden vor der Zeit bedauert.
Hab alle Sünden vor der Zeit bedauert,
sonst trifft dich Häme, Ungemach und Spott.
Man zieht dich liebend gerne aufs Schafott,
ergötzt sich dran, wie du so zugemauert
versuchst, dein Innerstes noch zu bewahren.
Man lässt dir keine Ruhe. Die Affäre
bringt täglich neue Bröckchen vor, als wäre
nur dieses Thema relevant. Verfahren
ist deine Lage. Schmutzigste Details,
von findigem Reporterhirn ersonnen,
sind längst zu Leitartikeln schon geronnen.
Du wirst geächtet, kriegst jedoch Besuch,
nur, keiner sucht des Gegenteils Beweis,
da auf dich niedersinkt das Leichentuch.
„… da auf dich niedersinkt das Leichentuch,
wenn du dich nicht mal bald vom Acker machst.
Es ist zwar schön, dass du den Kerl bewachst,
nur läuft er nicht mehr fort. Deshalb versuch
dich dort zu halten, wo du mich nicht störst.
Der Leichnam muss bis gleich gewaschen sein,
dann legen wir ihn in den Sarg hinein.
Dabei kannst du mir helfen. – Hallo! – Hörst
du mir denn überhaupt mal richtig zu?
Ich glaube, das mit deinem Praktikum
in unserm Institut war reichlich dumm.
Von Pietät zumindest hattest du
bisher ganz offensichtlich nichts erfahrn.
Die Gottesfurcht gehört zum großen Plan.“
Die Gottesfurcht gehört zum großen Plan.
Man muss, damit die Menschen nicht verrohen,
mit Hölle, Teufel, Fegefeuer drohen;
sonst kommen sie noch auf die schiefe Bahn.
Nun braucht man aber, ging mal was daneben,
die Möglichkeit zur Heilung, daher reichte
man Sündern eine Hand, erfand die Beichte,
zudem auch diesen Ablasshandel eben.
Im Wissen um die harten Gottesstrafen,
gelingt nur jenen, unbedarft zu schlafen,
die im Bedarfsfall zu den Priestern laufen,
um sich die Gnade Gottes zu erkaufen.
Die Kirche nimmt sich gern der Gelder an.
Wir machen uns die Erde Untertan.
Wir machen uns! Die Erde unter Tan-
nen, Lärchen, Kiefern, Eiben oder Fichten
verdeckt zu wissen, wollen wir mitnichten.
Wir sehen Wälder, werden munter dann,
den Wert des ganzen Holzes zu erfassen.
Und auch mit all den Eichen, Weiden, Buchen,
Kastanien und Eschen wird man suchen,
sich monetär entschädigen zu lassen.
Man warte bitte nicht, da sind wir strikt,
bis erst ein Sturm die ganzen Bäume knickt,
der Forst sich noch den Borkenkäfer fängt.
Egal, wie uns der Wald auch sonst erfreute,
aus Vorsicht rodet man ihn besser heute.
Wir sind das Tier, das Freiheit selbst beschränkt.
Der Titel ist einer Reminiszenz an das Lied „Holz“ von den „257ers“.
Wir machen uns die Erde Untertan,
so wie uns einst ein lieber Gott geheißen.
Ob der wohl ahnte, wie wir es verreißen?
Denn schließlich setze er uns auf die Bahn.
Allwissend hatte er sein Werk begonnen,
die Schöpfung kurz und knackig hingesetzt,
sich trotz der vielen Arbeit nicht gehetzt,
am Ende einen Feiertag gewonnen.
Seitdem hat er nur wenig eingegriffen.
Nur ab und zu mal Plagen oder Flut
ansonsten ließ er uns das Navigieren.
Der Glaube einerseits und Übermut
mit dem wir oft durch Riffgewässer schiffen,
erheben uns von allen andern Tieren.
„Wir machen uns die Erde Untertan;
mit andern Worten: Also sind wir König
und nicht der dumme Löwe, der nur wenig
von Macht und Politik verstehen kann.
Die Leute sollen meinem Wunsch genügen.
Damit sie meine Regeln nicht verletzen,
will ich sie hübsch in Paragraphen setzen.
In DIE Gesetze muss die Welt sich fügen.“
Da fiel ihm fast der Kitt aus seiner Brille
und Gott bemerkte, dass sein guter Wille
allein nicht half: „Ich werd euch gleich was scheißen!
Da sind Gebote, die sind nicht zu brechen.
Zitiert ihr sie, so sollt ihr hierbei sprechen:
‚So wie uns einst ein lieber Gott geheißen.‘“
„So wie uns einst ein lieber Gott geheißen,
so nehmen wir mit Stolz den Namen an.
Wir sind ‚der Mensch‘, ein Typ, der alles kann
und werden uns als erstes mal befleißen,
die Dinge alle sorgsam zu benennen,
zur ordnen und zu katalogisieren,
was uns nicht passen will zu selektieren,
sprich: mit Struktur das ganze Chaos trennen.“
Verstohlen blickt der Gott auf dieses Treiben,
will beinah voller Frust ins Kissen beißen.
Als er vor kurzem mit dem Teufel schaute
auf sein Terrarium, an dem er baute,
da meinte der noch: „Lass es lieber bleiben!“
Ob er wohl ahnte, wie wir es verreißen?
„Ob der wohl ahnte, wie wir es verreißen?
Er gab uns dieses Buch mit seiner Schrift,
hinzu gab er Papyrusblatt und Stift.
Das kann ein Kritiker nicht von sich weisen.
Ich sag mal so: An manchen Stellen flott
erzählt, doch leider größtenteils zum Schnarchen,
salbadert von Propheten und Monarchen,
als Kunstwerk flach, zumal für einen Gott!“
„Was faselt der bei meinem Buch von Kunst“,
fragt Gott, sich wundernd, „keinen blassen Dunst
hat der verstanden, dieser stolze Hahn.
Ich ließ es ‚Buch der Bücher‘ übertiteln;
daran hat meine Schöpfung nicht zu kritteln!“
Denn schließlich setzte er uns auf die Bahn.
Dann schließlich setzten wir uns auf die Bahn
für Fledermäuse, Molche und für Kröten;
wir wollten sie beim Straßenbau nicht töten.
Doch wehe ihm, es kommt ein Pelikan
den Anglern in die Quere und ein Wolf
erdreistet sich, im Zaun ein Schaf zu fressen.
Von da an ist der Artenschutz vergessen.
Und stör uns ja kein Löwenzahn beim Golf!
Für Gott, dem lange schon die Zweifel steigen,
der wartete, wann sie sich endlich zeigen,
die Einsicht, die Vernunft, sind sie zerronnen,
die Träume, dass der Mensch was werden kann.
Er glaubt inzwischen selbst nicht mehr daran,
allwissend hätte er sein Werk begonnen.
Allwissend hatte er sein Werk begonnen,
stand meisterlich in seiner Wissenschaft
mit beiden Beinen fest, der Leserschaft
hat er ein dickes Manuskript ersonnen,
das alle Lehren seiner Profession
enthalten sollte. Aber bald schon musste
er einsehn, dass er viel zu wenig wusste,
und Fragen wurden seiner Mühe Lohn.
Da schmunzelte der Schöpfer, als im Drang
zur Perfektion dem Menschen nicht gelang,
sein Ziel mit wenig Aufwand zu erreichen.
Es soll der Mensch nicht seinem Gotte gleichen!
Nur er hat mal in Wochenfrist zuletzt
die Schöpfung kurz und knackig hingesetzt.
„Die Schöpfung, kurz und knackig hingesetzt,
ist schon ganz nett, doch leider nicht perfekt.
Das Unzulängliche, das in ihr steckt,
sei nach und nach durch Nützliches ersetzt.
Wir wollen Gottes Wirken weiterführen,
verschaffen der Ästhetik vollen Klang.
Seid daher fleißig, ihr sollt lebenslang
die Flammen unter allen Kesseln schüren!“
Derweil bleibt Gott vor so viel Blasphemie
die Spucke weg: „Es hat wohl nichts genutzt,
dass ich das Babelsprachgewirr zuletzt
verursachte. Zum Glück“, meint er verdutzt,
„sind Menschen langsam, meistens haben sie
sich trotz der vielen Arbeit nicht gehetzt.“
„Sich trotz der vielen Arbeit nicht gehetzt
zu zeigen, ist des Lebens feinster Sinn.
Die ‚Ars vivendi‘ gilt seit Anbeginn
als höchste Kunst, ein Künstler als gesetzt,
der Tag für Tag sein Werk besieht und sagt:
‚Es ging nicht ohne Mühen, ohne Streben,
doch auch nicht ohne gut dabei zu leben.
Der Rest der Arbeit wird zunächst vertagt.‘“
„Na prima! Endlich stehn die Räder still.
Der Mensch besinnt sich heut“, seufzt Gott versonnen,
„vielleicht entsteht manch guter Plan dabei.
Für‘s erste Terzial habt ihr – ich will
mal nicht so sein – mit diesem 1. Mai
am Ende, einen Feiertag gewonnen.
Am Ende einen Feiertag gewonnen
zu haben, hat sie alle doch erstaunt.
Da stand so einer, hat herausposaunt,
er sei als Gottes Sohn zur Welt gekommen.
Man lief zusammen, hat ihn ausgelacht,
er musste dann ein großes Holzkreuz tragen,
an selbiges hat man ihn angeschlagen,
und das hat ihnen Ostern eingebracht.
Der Teufel raunte tröstend: „Dich zur Erden
hinabzulassen, konnte doch nichts werden.
Egal, ich will uns gutes Kraut besorgen.
Vertreiben wir die Sorgen bis zum Morgen.“
So saßen sie im Wolkenthron beim Kiffen.
Seitdem hat er nur wenig eingegriffen.
Seitdem hat er nur wenig eingegriffen,
wenn‘s der Natur an ihren Kragen ging.
Der Umweltschutz war nie des Menschen Ding.
Er ließ die Welt verkommen und versiffen
im Müll, den man im Salz verstecken wollte,
im Meer verklappte, in die Lüfte blies,
von Kinderhänden demontieren ließ,
weil einzig man der Wirtschaft Achtung zollte.
Als sie mal wieder so beim Essen sitzen,
schaut Gott den Teufel fragend an und grummelt:
„Was macht der Mensch in seiner ganzen Wut?
Vielleicht hab ich es hierbei echt verbummelt,
war viel zu mild, gab wenig Grund zum Flitzen,
nur ab und zu mal Plagen oder Flut.“
Nur ab und zu mal Plagen oder Flut,
gelegentlich auch Seuchen zu bekämpfen,
vermochte seinen Ehrgeiz nicht zu dämpfen.
Dem Menschen reicht nicht, dass er Gutes tut.
Er will vor allem handeln und gestalten.
Nachdem ihm die Moral abhanden kam,
der Fortschrittsglaube schließlich übernahm,
vermochte er so schlecht wie recht zu walten.
Als Gott zum Abendbrot beim Teufel saß,
entfuhr ihm langes Seufzen aus der Brust:
„Wie kam es nur, dass uns der Mensch vergaß.
Er ließ sich doch so lange dominieren,
ergriff die Riemen, ruderte mit Lust,
ansonsten ließ er uns das Navigieren.“
„Ansonsten ließ er uns das Navigieren;
weshalb will er das Steuerrad zurück?
Vor allem, wo wir uns ein gutes Stück
in Richtung großer Zukunft austarieren.
Wir brauchen nur noch mehr Geschlossenheit.
Es muss ein Ruck durch alle Lande gehen;
den Gürtel enger, dann wird man‘s schon sehen:
Das Schiff wird Fahrt gewinnen mit der Zeit.“
Dem Herrgott kommen Zweifel am Konzept
des Obrigkeitsgehorsams, das die Glut
nie auslöscht. Wem‘s gelingt sie anzufachen,
der kann mit Menschen schlimme Sachen machen.
Zusammen wird‘s kein glückliches Rezept –
der Glaube einerseits und Übermut.
„Der Glaube einerseits und Übermut,
sie haben unsern Fortschritt angetrieben.
Die Lust am Leben und die Lust zu Lieben,
zum Risiko, mitunter auch die Wut,
das Hadern, sich in engen Grenzen winden,
das alles brachte Innovationen,
erzeugte Wissen, Informationen;
es ließ uns viel entwickeln und erfinden.
Doch Gott, der seine Schöpfung so besieht,
kommt eher nicht zum gleichen Endergebnis,
stellt fest: „Die Menschen haben nichts begriffen.
Man sollte meinen, dass, nach dem Erlebnis
von Krisen, Hochmut sich der Art entzieht,
mit der sie oft durch Riffgewässer schiffen.“
„Mit dem wir oft durch Riffgewässer schiffen,
mit dem sind wir auf Schweiß und Blut vertraut,
des Freundschaft ist auf festem Fels gebaut,
des Hand sei stets in Lieb‘ und Treu‘ ergriffen.
Kein‘ Ehr‘ ist größer, als den Kamerad
im Felde stolz an seiner Seit‘ zu wissen.
Und wenn wir dann die Siegesfahne hissen,
soll Freudentaumel klingen früh bis spat!“
Der Schöpfer stopft sich Watte in die Ohren,
solch Kauderwelsch nicht länger zu vernehmen.
„Es sind doch wahrlich garstige Manieren,
verbreitet als das Opium der Toren.
Man hoffte, Ethik, Rücksicht und Benehmen
erhöben sie von allen andern Tieren.“
„Erheben uns von allen andern Tieren
vor allem überragendes Genie
und genialer Geist. Wir stürzen nie,
egal wie nah am Abgrund wir lavieren.
Mag sein, es gab schon wirklich schlimme Kriege,
doch immer ist da Gutes draus entstanden.
Man muss schon staunen, was wir so erfanden.
Ach, letztlich waren das doch alles Siege.“
„Das Erdexperiment erscheint gescheitert“,
spricht Gott, die Augen tränennah erweitert,
„es bricht mein Herz und rührt mein Tiefstes an,
zu sehen, wie sie ihr Versprechen brachen,
als sie mir in die hohle Hand versprachen:
‚Wir machen uns die Erde Untertan.‘“
Erheben uns von allen andren Tieren
vor allem die Gedanken, Abstraktionen,
Philosophie und alle Reflexionen,
das Sorgen, Überlegen und Sinnieren,
dann hat uns solches weit von dem entfernt,
was Leben für den Rest der Welt bedeutet.
Wir werden nicht gejagt und nicht erbeutet.
Den Ruf der Wildnis haben wir verlernt.
Wir bauen uns die Habitate dicht
in einer Weise, die nur uns beschützt,
die aber selten andern Wesen nützt.
Die Hybris, alles stets zu kontrollieren,
sitzt mit des Lebens Chaos zu Gericht.
Wir sind der Erde das, was uns die Viren.
Wir sind der Erde das, was uns die Viren,
ein Krankheitskeim, der seinen Wirt versehrt.
Wir wollen viel und machen viel verkehrt,
sind supergut im Bagatellisieren.
Mit Tempo fahren wir den ganzen Karren
trotz besserer Erkenntnis auf die Wand
beharrlich zu, dem Steuer keine Hand
erübrigend, die beiden halten Knarren,
um damit doch – wer weiß? – den Stein zu brechen.
Dann brauchen wir zumindest nicht zu bremsen.
Die Hindernisse springen von der Bahn.
Wir wollen lieber, statt zu viel zu sprechen,
Probleme lösen im Dagegenwemsen.
Wir sind das nackte Tier in blankem Wahn.
Wir sind der Erde das, was uns die Viren,
durchstoßen mit Geräten ihre Hülle.
Wir bohren tief und saugen aus der Fülle,
doch nicht nur wegen Regenbogenschlieren,
die Erdöl wunderbar aufs Wasser pinselt.
Wir brauchen Öl wie unser täglich Brot.
Wir schlagen manchen für die Brühe tot
und pressen, ganz egal wie jemand winselt,
die letzten Tropfen aus der Quelle Bauch.
Der Ölbaron wird wie ein Held verehrt;
er lässt nicht locker, lässt nichts unversucht.
Am Bohrloch hinterlässt er oft nur Rauch.
Letztendlich ist er, stolz und gut betucht,
ein Krankheitskeim, der seinen Wirt versehrt.
Ein Krankheitskeim, der seinen Wirt versehrt,
wird früher oder später mit ihm sterben.
Hat einer also Gene zu vererben,
dann lässt er besser leben, was ihn nährt.
Er nehme nur so viel aus einer Quelle,
dass diese weiter munter sprudeln will.
Versiegt sie aber, wird es denkbar still
im ganzen Umkreis der verdorrten Stelle.
Deswegen wirkt, was immer wir bewegen,
aufgrund der Dimensionen lange nach.
Wir schlachten stets die Herde, nie das Pferd.
Falls wir mal einen Ort nicht mehr belegen,
dann liegt die Fläche viele Jahre brach.
Wir wollen viel und machen viel verkehrt.
Wir wollen viel und machen viel verkehrt.
Vor allem glaubt fast jeder felsenfest,
der Besten einer sei er selbst, der Rest
vermutlich durch die Lotterie beehrt
mit einem unverdienten Führerschein.
So trifft man viele Tiere auf den Straßen,
gehörnte Viecher, über alle Maßen
herausgefordert, Fahrende zu sein.
Gelegentlich geraten sie zusammen,
wenn Autos krachend ineinander rammen.
Das wird natürlich niemals uns passieren.
Falls doch, erklären wir voll Ungeduld,
sei das ganz sicher nur der andre Schuld,
sind supergut im Bagatellisieren.
Sind supergut im Bagatellisieren,
ganz formidabel darin, auch zu meinen,
dass andere ganz sicher selig weinen,
zumindest aber freudig salutieren,
weil sie mit uns das Glücksgefühl erleben,
wenn unser Motor schalldruck-schwanger dröhnt,
der Zwölfzylinder unser Ohr verwöhnt,
und wir mit Wonne hinterm Lenkrad kleben.
Um möglichst vielen das Gefühl zu gönnen,
bereisen wir auch gern das kleinste Dorf.
Das Knattern, Wummern lässt die Welt erstarren.
Den Fluch, der uns oft hinterher geworf-
en wird, den werden wir nicht hören können.
Mit Tempo fahren wir den ganzen Karren.
Mit Tempo fahren wir den ganzen Karren,
den Wind im Haar, das Dach im Kofferraum.
Das Cabrio, für viele nur ein Traum,
auf den sie lange sparen. Manche harren
darauf, dass ihre Kinder endlich groß
und flügge werden, Führerscheine machen.
Dann leisten sich die Väter solche Sachen.
Ist erst der alte Kombi abgestoß-
en, ist in der Garage endlich Platz.
Die Zeit ist reif für einen neuen Schatz;
den kauft man allerdings nicht 2. Hand!
Das Konto leer, die teure erste Fahrt,
geht, weil man – preisbewusst – die Kasko spart,
trotz besserer Erkenntnis, auf die Wand.
Trotz besserer Erkenntnis auf die Wand
zu sprühen: „Nun, ich denke, also bin ich!“,
mag drollig sein, doch reichlich widersinnig.
Zum Denken fehlt es vielen an Verstand.
Weil wir zum einen die Zerstreuung lieben,
aus Überheblichkeit zum andern glauben,
wir könnten Multitasking uns erlauben,
sieht man sich manche aus dem Leben sieben.
Bekommen wir, am Lenkrad, was zu fassen –
ein Handy, eine Bratwurst, ‘s Radio –
vergessen wir auf einmal kurz, wieso
wir uns im Autositz befinden, lassen,
derweil nimmt der Berufsverkehr instant
beharrlich zu, dem Steuer keine Hand.
Beharrlich, zu dem Steuer keine Hand-
outs zur Verfügung habend, nestelt er
an einer Schraube, die sich, ziemlich schwer
erreichbar, nicht gleich lösen mag. Er fand,
ein neues Lenkrad, mit Bedien-Paneelen,
mit LED-Display und Ambience-Leuchte,
das wäre etwas, das er dringend bräuchte.
Das darf in seinem Sport-Coupé nicht fehlen.
Da endlich bricht der Schraube Widerstand.
Doch jetzt braucht er Spezialwerkzeug. Im Fluchen
beginnt er, seine Werkstatt zu durchsuchen.
Sein Handy läutet – widerliches Schnarren.
So steht er, überfordert, keine Hand
erübrigend, die beiden halten Knarren.
Er: „Übrigens, die beiden halten Knarren!“
Sie schaut und reißt die Hände in die Höhe.
Die Gangster aber, in den Hintern Flöhe,
erhielten schon die rechte Menge Barren,
um sich, mit schweren Taschen, die sie schleppen,
voll Goldes, schleunigst aus dem Staub zu machen,
verfolgt von schussbereiten, alten Wachen,
die aber stolpern auf den langen Treppen.
So springen jene Räuber in den Wagen,
der motor-laufend wartet, und sie rasen
mit voll Karacho über einen Rasen,
doch hindert dort ein Findling freie Drift.
Man tritt das Gaspedal bevor man trifft,
um damit doch – wer weiß? – den Stein zu brechen.
Um damit doch – wer weiß – den Stein zu brechen,
hat man ein Fahrzeug vor den Berg gestellt,
das einen riesengroßen Bohrer hält,
als wollten Mücken Elefanten stechen;
begann, mit Dynamit den Fels zu sprengen,
berechnete den Austrittsort am Hang,
der gegenüber liegt, und es gelang,
von beiden Seiten durch den Berg zu drängen.
Der Tunnel kürzt geradewegs die Fahrt.
Die Röhre ward für Autos freigegeben,
die Aussicht unterm Berg jedoch … daneben!
Nur Stahlbeton, kein Grashalm, keine Gemsen –
das Rauf und Runter aber bleibt erspart.
Dann brauchen wir zumindest nicht zu bremsen.
Dann brauchen wir zumindest nicht zu bremsen,
wenn unsre Hupe laut genug ertönt,
wenn sie euch die Frisur nach hinten fönt.
Sie laufen alle eilig wie die Emsen,
gejagt von einem Knaben, der mit Lust
ein Brennglas in den Händen balanciert,
beobachtet wie ein Insekt agiert,
wenn‘s kokelt, so, als hätt er‘s nicht gewusst.
Die Hupe – oder eher: Die Fanfare –
ist laut genug, um die, die in die Jahre
gekommen sind, nicht ganz so gut mehr hören,
zu wecken; auch, die mit Kopfhörern fahr‘n
auf Rollern, im Musikgenuss zu stören.
Die Hindernisse springen von der Bahn.
Die Hindernisse springen von der Bahn.
Mit so was weiß die Werbung uns zu locken.
Wenn wir im ‚SUV‘ am Lenkrad hocken,
erfüllt uns gleich der Geist von Obiwan.
Die Macht ist mit uns und wir glauben gerne
an eingebaute Vorfahrt der Karossen,
zumal auch viele Gelder dafür flossen.
Yoda, er in uns steckt beim Krieg der Sterne,
der täglich auf den Straßen Deutschlands wütet.
Die weniger für ihre Autos blechen,
sind von der Technik nicht so gut behütet.
Wir werden Pantomimen, zeigen das
dem andern gestenreich durch Scheiben was
wir wollen lieber, statt zu viel zu sprechen.
Wir wollen lieber, statt zu viel zu sprechen,
den klaren Vorrang, den wir haben, zeigen.
Es hilft ja nicht, bei all den Popo-Geigen,
aus seiner Krone Zacken rauszubrechen.
Die Vorfahrtsregeln stehen klar zu lesen
in einer Ordnung, werden auch gelehrt
an Schulen, die uns zeigen, wie man fährt,
nur widerstrebt das manchen Fahrers Wesen.
Sein Auto hat zuvorderst dicke Stangen,
den Kühlergrill beim Aufprall schützend, prangen.
Die helfen auch im Hochland gegen Gemsen.
Im Tiefland wird man so drauf hingewiesen,
der Fahrzeugführer würde, reizt man diesen,
Probleme lösen im Dagegenwemsen.
Probleme lösen im Dagegenwemsen,
erscheint so überflüssig wie ein Kropf,
vielleicht auch wie ein Aluhut am Kopf,
wie sich, ist man kein Vogel, einzuemsen.
Falls man von dem Gedanken übermannt ist,
so wird der Wunschtraum dort Realität,
wo man in die Veranstaltung gerät,
die auch als Stock-Car-Rennen weit bekannt ist.
Man muss auch dort das Ziel zuerst erreichen,
doch schiebt man alle Gegner von der Bahn,
in dem man sie ganz schlicht und einfach rammt.
So geht man / fährt man quasi über Leichen
aus Blech. Der Mensch frisst Staub, aus dem er stammt.
Wir sind das nackte Tier in blankem Wahn
Der Titel ist eine Reminiszenz an das gleichnamige Lied von Roxette
Wir sind das nackte Tier in blankem Wahn,
dem Diesel und Benzin durch Adern fließt,
das gerne mal ringsum auf alles schießt,
was ihm, das kaum entkommt aus seinem Tran,
versucht, den schlechten Lebenstrott zu ändern.
Man denkt, es würde sehn, es wäre besser,
da steht es grimm mit aufgeklapptem Messer,
um weiter auf gewohntem Pfad zu schlendern.
Und selbst, wo sich die Erde langsam wehrt,
wo Sturm um Sturm und Flut um Flut sich mehrt,
da weigert es sich, weiter zu kapieren,
dass all das nur aus diesem Grund geschieht,
weil es sich seinen Lebensraum entzieht.
Wir sind der Erde das, was uns die Viren.
Der Titel ist eine Reminiszenz an das Lied „Lass es Regnen“ von Simon & Jan
Wir sind das nackte Tier in blankem Wahn.
Der Pelz ist einer Plastikhaut gewichen,
der Augen Glanz vor Sommer schon verblichen.
Die Trübnis bricht sich aller Orten Bahn.
Wie eine Welle rollt die Müdigkeit
an allen Dingen über Stadt und Flur.
Der Held der Arbeit, kräftig von Statur,
ergeht sich in der Mittelmäßigkeit.
Die Strebsamkeit nach hohen Idealen,
das Greifen nach Gemeinsinns hehren Zielen
wich ausgemachtem Vorwandsgrund, der vielen
ermöglichte, gemütlich zu erschlaffen.
Wir fühlen kaum mehr, denken nur in Zahlen.
Wir scheffeln Gelder, müssen Güter raffen.
Wir sind das nackte Tier in blankem Wahn.
Der Frühling greift den Trieben in die Tasche,
wie Phönix steigt er aus der heißen Asche.
Die Sonne zieht verwegen ihre Bahn
und zeichnet bunte Punkte an den Himmel,
als wolle sie das Firmament bemalen
in rot-orange, versenkt sich im Banalen,
vergeht im unaufhörlichen Gewimmel
des Ozeans, verzichtet in der Ferne
auf ihren Thron für diese Nacht. Die Sterne
erscheinen sprachlos, als der Glanz beglichen
und überkommen war. Ein Wolf heult fort,
besinnt sich, kühlt den Fang am stillen Ort.
Der Pelz ist einer Plastikhaut gewichen.
Der Pelz ist einer Plastikhaut gewichen,
die rau und zart zugleich die Sehnen deckt.
Ein feines Funkeln, bald erneut versteckt,
zerfasert sich zu silbergrauen Strichen.
Es reift der Mond, als wäre er von Käse,
spannt weit den Schein vom Wald bis tief ins Moor.
Durchs Schilfrohr aber zieht ein Wind hervor,
als käme einer Orgel das Gebläse
abhanden, nur, um fortan hier zu tönen,
durch Gräserpfeifen und durch Riet zu föhnen.
Es hat die Nebelfrau ihr weißes Tuch
mit schneller Hand und wohlgesetzten Stichen
genäht, Es kommt der Maien zu Besuch,
der Augen Glanz vor Sommer schon verblichen.
Der Augen Glanz, vor Sommer schon verblichen,
verschenkt sich einmal mehr an den April,
der gerne mit Charakter protzen will.
Der März hingegen war davongeschlichen,
als habe er auf Leisetreters Sohlen
gehofft, er käme unerkannt davon.
Wir lauschten eben seinem Bariton,
schon hatte er sich selber Gott befohlen.
Er brachte eine Sonne sonder Kraft.
Von Wellen träumend, die kein Mond erschafft,
noch zugefroren, schläft ein alter Kahn
im stummen See, die Ruder in die Höh.
Verschlummernd sehnt er sich nach jeder Bö.
Die Trübnis bricht sich aller Orten Bahn.
Die Trübnis bricht sich aller Orten Bahn.
Sie schlurft in großen Schuhen auf der Heide,
der einstigen und schönsten Augenweide,
als wäre sie des einen Schöpfers Plan
entronnen, selbst die Karten auszulegen.
Im Rohr vernimmt das Ohr ein zages Dommeln.
An Weiden spielen, übergroßen Bommeln
die Kätzchen gleich, wie wenn sich im Bewegen
das Grau sich in ein Nichts verschließen lasse,
wie eine umgestürzt zerbrochne Tasse
sich leert im Zuge der Betroffenheit.
So wippen sie an Ästen, um versonnen
geträumt zu haben, alles sei begonnen.
Wie eine Welle rollt die Müdigkeit.
Wie eine Welle rollt die Müdigkeit
mit des Erwachens Strömen um die Wette.
Die Tage hängen wie auf einer Kette
aus lichtem Tau und dumpfer Dämmrigkeit.
Es frischt der Wind, die Geister fortzujagen,
ins Letzte zu zerblasen, aufzuteilen,
als wollt er sie zwar weiter nicht verweilen,
doch spüren lassen, wie sie sich betragen.
Noch drückt des Himmels Kuppel auf das Land
als wär der Lüfte Dom aus grauem Sand
mit ein paar Fetzen Blau darin, doch nur
wie eine ferne Ahnung, streng gefügt.
Und sieh! Da rüttelt einer, den man rügt,
an allen Dingen über Stadt und Flur.
An allen Dingen über Stadt und Flur
erhebt sich das Geraune und Gesumme
des Flügelschlagens, so auch das Gebrumme
der lockenden Verheißung der Natur,
als wolle sich des Einen Wunsch erfüllen,
das wohlige Verlangen nicht zu stillen,
es fortzutragen, dort, mit festem Willen,
den letzten Rest des Winters zu zerknüllen.
Es sprießen aller Orten reiche Gaben,
mit Nektar füllen stetig sich die Waben,
es drängt sich alles, fügt sich in Struktur.
Und aus der prallen Mitte tritt ein Chor
und singend hieraus wiederum hervor
der Held der Arbeit, kräftig an Statur.
Der Titel ist eine Reminiszenz an das gleichnamige Gedicht von Eduard Mörike
Der Held der Arbeit, kräftig, von Statur
hingegen ungeheuer anders, schmiegte
voll Wonne in Gedanken, die er wiegte,
die Wange an den Busen der Natur.
Ihm war, als ob ihm heute Großes werde,
als höben Engel ihn in höchste Sphären,
ihn anzuleiten, Götter zu gebären,
sie fürderhin zu senden auf die Erde.
Er selbst, als fleischgewordner Götterborn,
der Bannerträger der Unsterblichkeit,
der Rose Blüte und zugleich ihr Dorn,
stürzt jäh hinunter in der Hölle Schlund,
schlägt auf im Staub, in Schwefeldünsten und
ergeht sich in der Mittelmäßigkeit.
Er geht, sich in der Mittelmäßigkeit
nicht einzurichten, über den Olymp,
trifft Götter, trinkt Ambrosia, den Stümp-
ern, Neidern seiner Widerfahrenheit,
den Spiegel vor das Zerrgesicht zu strecken.
So trägt er den Zenit des Daseins nieder
zu denen, die das große Für und Wider
erfahren wollen, sei es auch im Schrecken.
Sein Nimbus: eine Sonne voller Qualen;
sein Tatendrang: der Troll im Schauerwald,
der seine Herden vor des Winters kalt-
em Griff in seine warme Höhle ruft;
sein Ansporn: wie ein Übersprung der Kluft,
die Strebsamkeit nach hohen Idealen.
Die Strebsamkeit nach hohen Idealen
als eine Kunst, die selbst das Leben schrieb,
die aller Schatten Grausamkeit vertrieb,
sie forderte zu baldigen Fanalen.
In aller Augen loderten die Feuer,
als wären sie von Engelshand erwählt
und gleichsam mit Dämonenblut gestählt
im Innern alt-ehrwürdiger Gemäuer.
Es war die Zeit, das Schicksal selbst zu schüren,
die Spannung förmlich in der Luft zu spüren,
sie anzurühren, so erging es vielen.
Gelöst stand mancher neben sich und lachte
das Blei der Angst hinfort und so erwachte
das Greifen nach Gemeinsinns hehren Zielen.
Das Greifen nach Gemeinsinns hehren Zielen
kam nahezu im Winter zu erliegen.
Man sah es, sich im Schnee der Zweige biegen;
und wäre nicht aus wenigen, subtilen
Verhaltensweisen, eher Petitessen,
wie Knospen, die des Lenzes Hauch erwarten,
der Wunsch entsprungen, endlich auch zu starten,
man hätte es wohl seinerzeit vergessen.
Die Wiese trug des Frühlings vollste Blüte,
die um so mehr im Abendlicht erblühte,
und ließ den Wind in ihren Halmen spielen,
erweckte alle aus der Apathie
wie frisch gefeudelt. Mit der Lethargie
wich ausgemachter Vorwandsgrund der Vielen.
Wich ausgemachter Vorwandsgrund der Vielen
dann endlich auch dem Anbruch neuer Zeiten,
so ließ sich doch der Regen nicht verleiten,
sich einzuhalten. Aus den Wolken fielen
die Tropfen wie aus Badewannen nieder.
Er wusch den alten Groll aus allen Zweigen,
die würdevoll ihm dankten und im Reigen
des Blütentanzes statthaft das Gefieder
in grün dem Himmelsblau entgegenkragten,
entrückt, als ob ins Wolkenwerk sie ragten
mit Stämmen gleich den Hälsen der Giraffen.
Sodann, als sei er morgen erst erschienen,
erging ein Regenbogen sich, der ihnen
ermöglichte, gemütlich zu erschlaffen.
Ermöglichte, gemütlich zu erschlaffen,
versah den Pflaumenbaum mit prallen Früchten,
vergab der Sehnsucht ihren Wunsch zu flüchten;
der Sommer kam, um einiges zu schaffen.
Er spannte sich die Sonne vor den Pflug,
betrauerte mit einem Rest von Regen
den Wald, den einst, im An-den-Hang-anlegen,
der Sturmwind stolz und grob zu Grabe trug.
Der Sommer streute Samen auf die Felder
und küsste, wie Arminius Thusnelda,
die Erlenwäldchen zart aus ihrem Schlummer.
Drauf heizte er uns ein, in die Annalen
trug er sich den Rekord für diese Nummer.
Wir fühlen kaum mehr, denken nur in Zahlen.
Wir fühlen kaum mehr, denken nur in Zahlen,
wo Räume mathematisch zu durchdringen
gelingt, wo sie in Kassenfächern klingen,
auch dort, wo wir sie farbenfroh bemalen.
Sie räkeln sich in Listen und Tabellen,
sie häkeln sich durch Konten und Bilanzen,
darin sie, wie im Glück versunken tanzen,
Libellen gleich auf Monitore schnellen,
um wiederum auf Torten still zu ruhen,
gezündet und mit Sahne an den Schuhen.
Sie sind in ihrer Vielfalt unumwunden
verhandelbar, in Büchern eingebunden,
von uns zuletzt gesiegelt mit Paraphen.
Wir scheffeln Gelder, müssen Güter raffen.
Wir scheffeln Gelder, müssen Güter raffen,
jonglieren mit Portfolien und Projekten,
als ob wir im Gezeitenstrudel steckten,
als ob, uns einen kleinen Raum zu schaffen,
der Luft lässt, Lebensdurst zu inhalieren.
Termindruck weht von allen Fahnenmasten
in Anthrazit auf Grau; Ideen hasten
durch braune Straßen, doch interessieren
sie nur die Fliegen an den Fensterscheiben,
die stoisch auf dem trüben Glas verbleiben –
ein Bild, bei dem die Dumpfheit angetan
hernieder sinkt, auf Häuserdächer klettert,
der Sorgenschwere geistig sich entblättert.
Wir sind das nackte Tier in blankem Wahn.
Der Titel ist ein Hinweis auf Hieronymus Bosch und seine schwer zu deutenden Bilder, die sich teils ins Surreale strecken.
Wir scheffeln Gelder, müssen Güter raffen,
um damit Körper streng zu optimieren,
mit Botox Faltenhaut zu minimieren
und um mit Fett vom Po das Kinn zu straffen.
Die Tage werden sorgsam durchgetaktet
und sorglos alles in den Plan gepresst,
obwohl uns dann erst Recht der Zeitdruck stresst.
Die Wirklichkeit hingegen wird entfaktet.
Der Wahrheit schwindet mehr und mehr der Raum.
Die Welt erstickt an einer Gülleflut.
Ringsum vernebeln Sinne, kocht die Wut.
Im Netz ist schon gefangen jeder Traum
durch gierig-egomane Oktopoden.
Wir kämpfen bis aufs Blut um Grund und Boden.
Wir kämpfen bis aufs Blut um Grund und Boden,
um jede Krume Erde, jeden Baum,
als wäre es der größte Lebenstraum,
und lieber lassen wir das ganze roden,
als anderen auch nur ein Korn zu gönnen.
Wir streiten so verbissen ums Revier,
dass wir in der Natur mit keinen Tier
uns hierin auch nur fern vergleichen können.
Uns platzen Hosenstall, Korsett und Mieder,
doch will man unser Übermaß beschränken,
es lieber in soziale Bahnen lenken,
dann brennen wir die ganze Chose nieder,
bis rings der Horizont ersterbend glimmt.
Es ist kein Konsens, dass man sich benimmt.
Es ist kein Konsens, dass man sich benimmt.
Man schert sich längst nicht mehr um Konventionen,
ist freundlich nur zu denen, die sich lohnen,
dem Unbekannten zeigt man sich verstimmt.
Wer lächelt, will doch nur die Zähne blecken.
Mit Zucker wird ein jeder Satz verziert,
den einer andern ins Gesicht platziert.
Dann denken wir, sie sollen uns mal lecken.
Man schaut nicht, wo sie wächst, die Sympathie,
der Götterfunke – maximal gedimmt!
Wir suchen, wie sich andere verlieren
und lachen, fallen sie auf ihre Knie.
Sie sollen in den Staub auf allen Vieren!
Es ist das Feindbild, das den Weg bestimmt.
Es ist kein Konsens. Dass man sich benimmt,
ist vielen Menschen sicherlich bewusst,
hingegen fehlt es oft an rechter Lust
zu handeln, wie es guter Ton bestimmt.
Dabei ist rechter Stil von großem Wert.
Er nützt enorm in allen Lebenslagen,
gibt Rat, sogar in ziemlich heiklen Fragen,
erscheint an keinem Ort und nie verkehrt.
Natürlich finden‘s junge Leute doof.
Doch glaube mir: Sogar, wenn du den Hof
den Mädchen machen willst, man soll‘s nicht meinen,
dann helfen Knigges ewige Lektionen.
Nur hüte dich von jenen, die da greinen:
„Man schert sich längst nicht mehr um Konventionen.“
„Man schert sich längst nicht mehr um Konventionen.“
Wer solches glaubt, hat Grütze wohl im Kopf,
der schert sich seine Haare um den Topf
und hat in seinen Ohren dicke Bohnen.
Es ist die Etikette, die uns bleibt,
wenn unser Herz durch Ungewissheit bangt,
das Fühlen in den Grenzbereich gelangt,
der Mut wie Stroh im Fluss von dannen treibt.
Du merkst, wenn tief in dir Manieren wohnen,
wie du trotz allem nicht den Kopf verlierst,
mit Haltung, was das Leben bringt, parierst.
Du wirst auch nicht so schnell bei Menschen loder-
nder Streiter für die Sache, Rächer, oder
bist freundlich nur zu denen, die sich lohnen.
Ist freundlich nur zu denen, die sich lohnen
ein Kerl, so halte dich am besten fern.
Zwar ist er anfangs lieb und lächelt gern,
doch sagst du einmal „Nein“ zu Positionen,
die er bezogen hat, wird er sich wandeln.
Du spürst sodann, für ihn hast du es schlecht
getan, egal wie sehr du dich im Recht
gefühlt hast. Fortan wird sein ganzes Handeln
drauf aus sein, deinen Widersinn zu strafen.
Begehrst du auf, bekommt er selbst die braven,
gesetzten Worte in den falschen Hals.
Sein Ziel ist jemand, den er tüchtig trimmt;
behandelt einen daher häufig als
den Unbekannten, zeigt man sich verstimmt.
Dem Unbekannten, zeigt man, sich verstimmt
zu präsentieren, tut kein Mensch von Welt.
Und überhaupt: Wenn man den Vortrag hält
zur Etikette, sei man auch mit Zimt
und Zucker nicht zu zögerlich zur Hand.
Das Publikum benötigt Emotionen,
Geschichten über Situationen
und nicht nur eine Tafel an der Wand.
Man muss zu gutem Handeln inspirieren,
soll Vorbild sein in Wort und auch in Tat,
den Sinn in all den Regeln nicht verstecken.
Man warne noch vor allzu agitieren-
den Leuten, denn es spricht so mancher Schrat:
„Wer lächelt, will doch nur die Zähne blecken.“
„Wer lächelt, will doch!“ Nur – die Zähne blecken
ist nicht das gleiche wie ein klares „Ja“.
Im Einverständnis kommst du ihrer nah,
ansonsten lässt du deine Hände stecken!
Und solltest du „vielleicht“, „ich weiß nicht“ hören,
dann ist das erst mal dein Signal zu halten.
Nur hemmungslose, schmierige Gestalten,
versuchten weiter drängelnd zu betören.
Ein „Ja“ ist nur ein „Ja“ ist nur ein „Ja“!
Du hörst es selbstbestimmt und sonnenklar,
doch ganz bestimmt nicht, wenn sie sich geniert.
Und lasse sie auf alle Fälle spüren,
du wirst an ihre Grenze niemals rühren.
Mit Zucker wird ein jeder Satz verziert.
Mit Zucker wird ein jeder Satz verziert,
doch nützt das nichts, ist drunter alles faul.
Schaust du den Leuten sehr genau aufs Maul,
erfährst du, was des Pöbels Kopf gebiert.
Ein großer Wortschatz bleibe stets verteidigt.
Man setze seine Worte sehr gewählt,
sei unterhaltsam, so man was erzählt
und nur falls nötig wird – mit Stil! – beleidigt.
Man sei mit seiner Sprache nicht blasiert
und passe sie an die Gegebenheiten,
ans Gegenüber an, doch Eitelkeiten,
zu Derbes, Zoten sind nicht anzustreben.
So rühme selbst ein kecker Spruch das Leben,
den einer andern ins Gesicht platziert.
Den einer andern ins Gesicht platziert
zu haben, ist, im Fall von Lippenstiften,
suboptimal, wobei man hört, es driften
die Meinungsvarianten ungeniert
in differente Richtungen. Zum Tragen
kommt einerseits, dass Freundinnen gern teilen;
hingegen Gegenstimmen sich beeilen,
drauf hinzudeuten: „Ja! Man kann ja FRAGEN!“
Nicht jeden Mund vermag es zu beglücken,
mit einem Rot die zarte Haut zu decken,
das andere auf ihre Schnute drücken.
Bist du von dieser Sorte, sage klar:
„DER Stift ist nur für MEINE Lippen da!“
Dann denken wir, sie sollen uns mal lecken.
Dann denken wir, sie sollen uns mal lecken
und ärgern uns, hinein bis tief ins Mark;
wir bleiben doch besonnen, keiner mag
es schaffen, je die Wutz in uns zu wecken.
Wir atmen, zählen innerlich bis fünf
(-zigtausend, wenn es sein muss) und sinnieren,
um jene nackt sich zu imaginieren;
sie dürften, ohne Hose, ohne Strümpf-
e ziemlich dämlich aus der Wäsche schauen.
Ob sie sich weiterhin zu spotten trauen?
Die Geisteskraft schenkt Mut mit Ironie.
Bist du in einer Peinlichkeit gefangen,
dann solltest du da schleunigst raus gelangen.
Man schaut nicht, wo sie wächst, die Sympathie.
Man schaut nicht, wo sie wächst, die Sympathie.
Das Schöne ist: Du kannst sie selber säen;
ein kleines Körnchen Liebe und Verstehen,
als Dünger Duldsamkeit und Harmonie.
So wirst du selbst zum Gärtner deines Lebens.
Und wenn du was in deine Beete setzt,
erblüht die Farbenpracht und, nicht zuletzt,
passiert es manchmal, dass man deines Strebens
Erfolge sich als Vorbild adaptiert,
dein Handeln zur Maxime gar bestimmt.
Dann bleibe offen, sei nicht irritiert.
Es sei die Hoffnung, die in dir erblühe.
Er sterbe nie, mitunter doch nur glühe
der Götterfunke – maximal gedimmt.
Der Götterfunke maximal, gedimmt
hingegen, was das Oberstübchen bietet.
So manchen ist die Birne zugenietet,
wo allenfalls ein Notlicht einsam glimmt.
Solch Leute können nie Ikonen werden
im Tun, geschweige denn beim Lebensmotto.
Wart ab! Schon bald macht jeder sich zum Otto,
dem jetzt die Menschen folgen wie in Herden.
Dein Thema solltest du zunächst durchdringen,
fürs Ego bloß nicht nach den Lichtern gieren.
Was du zu sagen hast, sag kurz und schnell!
Wer Wahrheit kundtut, braucht ein dickes Fell.
Im Anschluss solltest du die Hufe schwingen.
Sie suchen, wie sich andere verlieren.
Wir suchen, wie sich andere verlieren,
zeitlebens nach Profit und nach Gewinn.
Dem Einen liegt er in des Lebens Sinn,
der Frage nach dem Grund zu existieren.
Dem Zweiten geht es eher um Moneten;
er fragt: Was hat mein Handeln eingebracht?
Der Dritte wiederum, der strebt nach Macht;
deswegen will er gleich ein Volk vertreten.
Den Vierten treibt der Drang zu kritisieren.
Man tut ihm gut, doch er wird weiter nölen,
das Negative ausargumentieren.
Der fünfte liebt die Schadenfreude wie
kein sechster, sieht er Menschen, wird er grölen
und lachen, fallen sie auf ihre Knie.
Und lachend fallen sie auf ihre Knie,
sofern sie keine Etikette achten.
Sogar der Mensch von Welt wird sich entfachten
Humors nicht ganz entziehen, aber wie
wird wohl der Heiterkeit gekonnt begegnet?
Geschieht es, dass es uns am Zwerchfell rüttelt,
so wird sich keines Falles ausgeschüttelt!
Wir achten, dass es keine Tränen regnet.
Die Dame zeigt sich ehedem charmant
mit Fächer oder vorgehaltner Hand.
So lacht sie, ohne darob zu blamieren.
Und auch dem Herrn sei Contenance geboten.
Das Brüllen überlässt er den Idioten.
Sie sollen in den Staub auf allen Vieren.
Sie sollen in den Staub auf allen Vieren?
Dann lerne zu erkennen, welche Schwächen
die Gegner zeigen. Ihnen bloß mit frechen
Bemerkungen zu kommen, die parieren
die meisten mit genauso harten Worten.
Geschickter ist‘s, in Sicherheit zu wiegen,
sie nicht auf offnem Felde zu bekriegen.
Die Schlachten führst du an verdeckten Orten.
Wo Menschen nichts von den Gefahren wissen,
da lassen sie an Achtsamkeit vermissen.
Wenn dann dein Gegner unbekümmert schwimmt,
so klau ihm schnell vom ganzen Steg die Bretter.
Sei klug zudem und reich die Hand als Retter.
Es ist das Feindbild, dass den Weg bestimmt.
Es ist das Feindbild, das den Weg bestimmt.
Drum kenne jeder/jede die Gefahren
des eigenen Betragens und Gebaren
und wen man sich warum zum Vorbild nimmt.
Du solltest andere nicht überbügeln,
auch dann nicht, wenn sie deiner wenig nutzen.
Sie runter- oder gar sie wegzuputzen,
zeugt nie von Stil, da solltest du dich zügeln.
Erwarte aber nicht, dass man dich feiert,
alleine, weil du nett und freundlich bist.
Mal applaudiert man dem, der Kreide frisst,
mal dem, der voll sich auskotzt, fröhlich reihert
und manchmal sogar dem, der dich vertrimmt.
Es ist kein Konsens, dass man sich benimmt.
Es ist das Feindbild, das den Weg bestimmt.
Mit Angst lässt sich der Mensch gefügig machen.
Man flüstert ihm von tausend schlimmen Sachen,
schon stürzt der Lemming sich ins Meer und schwimmt.
Je höher sich die Wellenberge türmen,
je tiefer frisst die Furcht sich ins Gebein.
Man bangt, blickt um sich, findet sich allein.
Zum Überdruss beginnt es noch zu stürmen.
Den allerwenigsten wird es gelingen,
den Mahlstrom doch am Ende zu durchdringen.
Mit übermenschlich-brachialer Kraft
erreichen sie zuletzt den festen Boden.
Sie wissen: Endlich hat man es geschafft!
Zu Führern wählt man die mit dicken Hoden.
Es ist das Feindbild, das den Weg bestimmt.
Sie wollen ihre Kerle übertrumpfen,
heraus aus ihrem Schatten, ihren stumpfen
und überholten Rollen, daher grimmt
in jeder dieser Frauen tiefer Zorn
auf Männer, die sie marginalisieren,
sie knechten, ihre Rechte reduzieren;
doch nun fürs erste schauen sie nach vorn.
Sie haben sich ein Wagnis vorgenommen,
ein Ding, so groß – da lassen sie es krachen!
Die Herren werden sie wohl bald vermissen.
Sie wollen, noch bevor sie wiederkommen,
die Furcht dem Meere opfern, denn sie wissen:
Mit Angst lässt sich der Mensch gefügig machen.
Mit Angst lässt sich der Mensch gefügig machen.
Sie nicht! Sie werden Traditionen brechen,
der maskulinen Hybris widersprechen,
ein feminines Leuchtturmlicht entfachen.
Und so beschloss die kleine Gruppe Frauen,
entgegen ihrer starren Männerwelt,
die fest im Segelclub das Zepter hält,
mit eigner Hände Werk ein Schiff zu bauen.
Die Kerle johlten, fragten voller Häme,
wie man als Frau auf solchen Unfug käme.
Sie hielten sich die Bäuche fest vor Lachen.
Doch als sie spürten, dass das nicht gelang,
da machten sie die Frauen Angst und Bang;
man flüsterte von tausend schlimmen Sachen.
Man flüstere von tausend schlimmen Sachen
und hoffte, dadurch wären sie bereit,
den Plan zu tilgen; doch in Wirklichkeit
erwuchs ein Trotz, es jetzt erst recht zu machen.
Die Frauen trugen Holz und Tuch zusammen,
sie wälzten Pläne, hämmerten behände
die Planken ans Skelett. Vor Jahresende
spie auf der Werft die Esse helle Flammen.
Sie schmiedeten und nähten viele Tage.
Im dauerhaften Sägen, Hobeln, Schleifen
kam stetig das Projekt daran zu reifen.
So stellte keine je das Ziel in Frage.
Und kaum, dass man den Sekt zur Taufe nimmt,
schon stürzt die „Lemming“ sich ins Meer und schwimmt.
Schon stürzt die „Lemming“ sich ins Meer und schwimmt.
Vom Kai tönt Rufen, Jubel, Leute winken.
Die Korken knallen, alle prosten, trinken
zum Wohl der Fahrt, die man hier unternimmt.
Die Crew hat ihren Hafen bald verlassen.
Der Flautenschieber war schon ausgeschaltet,
das Segel unter jeder Rah entfaltet
und kräftig greift der Luftzug in die Brassen.
Der Bug der „Lemming“ teilt die graue Gischt.
Ach! - beinah wär ein Reep der Hand entwischt,
als wolle Gott Poseidon ihrer zürnen.
Da fasst sie nach, fasst fester und sie schafft
den Halt. Im Zuge wächst die Willenskraft,
je höher sich die Wellenberge türmen.
Sonett 12E - Elmsfeuer
Je höher sich die Wellenberge türmen,
je mehr an Ladung sichern jene Frauen,
belegen Klampfen mit den groben Tauen,
anstatt sich nur, wie Männer gern, zu rühmen,
welch Ozean-Gebirge sie bezwungen,
welch Meeres-Canyons sie durchmessen haben
und sich am eignen Seemannsgarn zu laben.
Der Frauen erste Prüfung scheint gelungen.
Derweil beginnt das Eisen aufzuleuchten,
und Elmsfeuer entstehen in der feuchten,
mit Elektrizität gefüllten Luft.
Die Blitze zucken wild, es zischt und pufft.
Die Frauen finden sich zu Grüppchen ein,
je tiefer sich die Furcht frisst ins Gebein.
Je tiefer sich die Furcht frisst ins Gebein,
je mehr wird klar, sie müssen Hilfe holen.
Die neue Lage, die sie hier verstohlen
durchleben, stellt sich nicht von selber ein.
Die Kapitänin läuft auf ihre Brücke.
Sie fragt per Funk: Wer weiß uns guten Rat?
Wir schritten hier auch gerne selbst zur Tat,
nur werden wir das nicht mit „Mut zur Lücke“,
mit „Augen-zu-und-durch“ geschehen lassen.
Sie fragt erneut … und wieder … Auf die Bitte,
inzwischen steht sie in der Mannschaft Mitte,
geht über Stunden keine Antwort ein.
Sie warten, hoffen, können es nicht fassen.
Man bangt, blickt um sich, findet sich allein.
Man bangt, blickt um sich, findet sich allein.
In aller Augen stehen diese Fragen:
Wie kann der Funkverkehr nur so versagen?
Wieso hört niemand mit aus dem Verein?
Die Herren jedoch haben ungerührt
am Radio gesessen, doch zu funken
vermieden sie. Es dachten die Halunken:
Die Frau kriegt endlich, was der Frau gebührt.
Und selbst, als der Klabautermann persönlich
der Crew sich offenbart, als SOS
mit Furcht im Äther gellt, da bleibt indes
an Land der Männer Meinung unversöhnlich.
Das Meer schickt sich nun an sich aufzutürmen.
Zum Überdruss beginnt es noch zu stürmen.
Zum Überdruss beginnt es noch zu stürmen.
Es heult und brüllt und pfeift, die Masten knacken.
Die Frauen sind an Deck, sie alle packen
an Tauen, Winschen, Schoten, an die würmen-
de Takelage, die sich wild gebärdet.
Sie reffen Segel, drehen ankernd bei.
Schon eine Stunde später, oder zwei,
verzieht das Wetter, dass sie so gefährdet,
verausgabt hat, sich endlich in die Ferne.
Am dunklen Himmel zeigen sich die Sterne.
Die „Lemming“ samt Besatzung – hart geschlagen!
Man hört sie mit dem Abendessen ringen
und jede hofft, es bliebe doch im Magen.
Den allerwenigsten wird es gelingen.
Den allerwenigsten wird es gelingen,
trotz der Erschöpfung schnell in Schlaf zu fallen.
Erst nach und nach wird Morpheus ihnen allen
mit seinem Kuss den Seelenfrieden bringen.
Der Morgen kommt, die Frauen müssen schauen,
ob sich die „Lemming“ weiter manövrieren,
sich steuern lässt; und als sie es probieren,
sich bald sogar das Segelsetzen trauen,
bemerken sie zwei lange, tiefe Risse
im Tuch, jedoch der Rumpf ist unversehrt.
So werden für die Rückfahrt erst gewisse
Reparaturen nötig, doch: Sie fährt!
Sie schaffte es, trotz böser Zungen singen,
den Mahlstrom doch am Ende zu durchdringen.
Den Mahlstrom doch am Ende zu durchdringen,
gab allen Frauen wieder Kraft und Mut.
Zudem ist auch das Wetter ihnen gut.
Sie müssen nun die Segel runterbringen.
Mit großen Nadeln stechen sie durchs Leinen.
Schon bald ist alles Tuch erneut instand
gesetzt, die Arbeit fertig, manche Hand
zerschunden, aufgeschürft, von zarten, feinen,
gecremten Händen meilenweit entfernt.
Es kümmert keine – wichtig nur: Man lernt,
die Segel wieder an die Rah zu schlagen.
Die Werft ist weit, da hilft kein Kran beim Tragen.
Sie alle haben‘s dann vereint geschafft
mit übermenschlich-brachialer Kraft.
Mit übermenschlich-brachialer Kraft,
vor allem aber im Zusammenhalt,
hat diese Crew der „Lemming“ die Gewalt
des Ozeans gespürt, sich aufgerafft,
nachdem die Hoffnung auf den Tiefpunkt sank,
und hat das Schicksal mutig angenommen,
ist ohne jede Hilfe klar gekommen.
Ich denke, man kann sagen: Gott sei dank!
Erleichtert sehen sie nach ein paar Tagen
den Heimathafen aus dem Wasser ragen,
erkennen ihren Kai mit den Pagoden.
Die Segel eingeholt und fest gemacht,
der Flautenschieber schiebt; noch vor der Nacht
erreichen sie zuletzt den festen Boden.
Erreichen sie zuletzt den festen Boden,
so muss diejenige, die Zeche zahlen,
die sie gemeinsam nach den vielen Qualen
beim Hafenkneipenwirt ertrinken wollen.
Sie drängeln auf dem Landungssteg und tollen
wie junge Hunde. Dann, im feinsten Loden,
in gravitätisch anmutigem Gang,
den Einsatz dieser Wette an sich bindend,
sich gleichsam glücklich im Gefüge findend,
läuft eine letzte Frau den Steg entlang:
Die Kapitänin, die so fabelhaft
dies Wagnis mit der „Lemming“ eingegangen
und siegreich war, wird mit Applaus empfangen.
Sie wissen: Endlich hat man es geschafft!
Sie wissen endlich: Hat man es geschafft,
dann wird den Frauen der Triumph geneidet.
Sie werden kaum gefeiert, eher meidet
die Mannsbrigade jene Weiberschaft.
Und als es ansteht, neues Blut zu wählen
in einen alten Vorstand, der beteuert,
die Führung dieses Clubs gehört erneuert,
da können sie auf keine Stimme zählen.
Zwar haben sie Erfahrungsschatz zu bieten,
doch selbst die andern Frauen im Verein,
die wollen ihre Forschheit nicht verzeih‘n.
Sie halten vor, wie sie es damals rieten:
Mit beiden Beinen bleibe man am Boden.
Zu Führern wählt man die mit dicken Hoden.
Zu Führern wählt man die mit dicken Hoden.
Es war schon immer so, zu allen Zeiten
beäugte man mit Argwohn Tapferkeiten
von Frauen, solche unerhörten Moden.
Das Weib hat zu gehorchen, zu parieren,
dem Mann den starken Rücken frei zu halten,
die Hemden ihm zu bügeln und zu falten
und nicht aufs offne Meer zu navigieren.
Wenn Frauen kochen, schmoren oder braten,
wie könnten sie da in Gefahr geraten?
Doch wehe, wenn in ihnen Größe glimmt;
dann wird man sie verlachen, ihnen spotten.
Wenn das nichts hilft, dann lässt man sie verrotten.
Es ist das Feindbild, dass den Weg bestimmt.
Zu Führern wählt man die mit dicken Hoden
und die mit dem besonders roten Arsch.
Sie pfeifen und wir setzen uns in Marsch,
gewinnen Tag für Tag gewaltig Boden.
Wir folgen denen mit dem großen Plan.
Es tut auch gar nicht Not, dass wir den kennen.
Uns reicht die Ahnung, dass sie dafür brennen.
Im Feuer übersehen wir den Wahn.
Was tut es uns doch gut, nicht selbst zu denken,
Verantwortung weit von uns fort zu weisen.
Die Hände halten auf Befehl die Waffen.
Mit frommer Seele können wir sie henken,
die uns zum Trotz in falscher Richtung reisen.
Wir sind und bleiben doch nur nackte Affen.
Zu Führern wählt man die mit dicken Hoden.
So ist es bei Primaten gang und gäbe.
Wir sehen es durch ihre Gitterstäbe:
Dem Pascha hängt der Beutel bald am Boden.
Am Löwenkäfig herrscht zur Zeit Gedränge.
Das Männchen gähnt, es präsentiert die Zähne.
Es hat, nebst der beeindruckendsten Mähne,
das weitaus prall gefüllteste Gehänge.
So geht es vielen Tieren, die mitunter
sehr gerne zeigen, was sie da so „drunter“
zu bieten haben, die auf Chancen lauern.
Nur Paviane sind da etwas barsch.
Sie halten sich an die mit großen Hauern
und die mit dem besonders roten Arsch.
Und die mit dem besonders roten Arsch Po
bezeugen damit ihre Dominanz,
sofern es Männchen sind, die Akzeptanz
zur Paarung zeigen Weibchen ebenso.
Das Haus verlassend, wo die Affen wohnen,
vorbei an dem Aquarium mit Riff –
da tummeln sich in einem alten Schiff
Muränen zwischen bunten Anemonen,
auch Haie und so mancher Zackenbarsch –
führt unser Weg hinüber zur Voliere,
um kurz bei Gürteltieren anzuhalten,
bei diesen eigenartigen Gestalten.
Uns reißen Vögel aus Gedankenschwere.
Sie pfeifen und wir setzen uns in Marsch.
Sie pfeifen und wir setzen uns in Marsch.
Es sind auch wirklich putzige Gesellen,
zu denen wir uns ans Gehege stellen
und die man sonst am ehesten in harsch-
en Gegenden im Alpenhochland trifft.
Um Kindern von den Tierchen zu erzählen,
muss man sich nicht mehr durchs Gebirge quälen.
Ein Schild erklärt‘s genau in großer Schrift.
Die Zooverwaltung folgt den neuen Moden,
mehr heimisches Getier zu präsentieren,
an dem Besuchermassen sich erfreuen.
Wie Rankings zeigen, wird man‘s nicht bereuen.
Die „Murmis“, die so lautstark musizieren,
gewinnen Tag für Tag gewaltig Boden.
Gewinnen Tag für Tag gewaltig Boden
und lassen sich in kein Gehege stecken.
Man würde sie auch selten mal entdecken,
es sei denn, man verwendet Elektroden
und setzt das ganze Erdreich unter Spannung.
Das soll sie aus den dunklen Gängen jagen.
Ob diese Tricks und Kniffe wirklich tragen?
So mancher Gärtner wünschte sich Verbannung
für diese hügelformenden Vertreter,
versucht‘s mit Gift, was nicht viel hilft, hat später
den ganzen Boden durch und durch gescannt,
ließ Roboter durch alle Gänge fahrn,
meint schließlich, ganz in seinem Element:
Wir folgen denen mit dem großen Plan.
Wir folgen denen, mit dem großen Plan,
komplett den riesen Tierpark zu erkunden.
Das erste Schild der Reihe ist gefunden.
Man hatte damals gut daran getan,
die Hinweistafeln durchzunummerieren.
Wir wollen, wenn wir schon den Zoo begehen,
auch jegliches Gehege kurz besehen.
Das Eintrittsgeld soll sich ja auch rentieren!
Nun müssen wir, statt über es zu lernen,
von jedem Tier uns wieder schnell entfernen.
Die Zeit wird knapp. Wir fangen an zu rennen.
Und während wir am Zaun vorüberpesen,
verpassen wir, den Namen dort zu lesen.
Es tut auch gar nicht Not, dass wir den kennen.
Es tut auch gar nicht Not, dass wir die kennen!
Man streckt zu wilden Tieren Arm und Bein
nicht einfach ins Aquarium hinein!
Egal wie niedlich sie erscheinen, trennen
uns Gläser nicht von ihnen ohne Grund.
Und sollte man den heißen Drang verspüren,
die süßen Biester doch mal anzurühren,
besinne man sich besser, denn gesund
ist allenfalls, Zurückhaltung zu üben.
Es dürfte ziemlich arg die Stimmung trüben,
in eine Nesselqualle reinzurennen.
Da lässt man‘s lieber bleiben, ihren kühlen,
bewundernswerten Körper zu befühlen.
Uns reicht die Ahnung, dass sie dafür brennen.
Uns reicht die Ahnung, dass sie da verbrennen.
Die Szenerie ist wirklich gut gewählt:
Ein Tropenwaldbrand, künstlerisch erzählt,
nicht ohne seinen Schrecken zu benennen.
Man könnte meinen, alle müssten leiden,
doch bringt die Asche für die Pflanzen Dünger.
Auf solche Weise werden Wälder jünger,
wo Vögel sich an krosser Beute weiden.
Das Katastrophenbild orange erleuchtet,
man hat, zur Kühlung und als Illusion,
statt Rauch den Raum mit Nebel angefüllt.
Ein Ort, wo die Kulisse überquillt
vor Emotionen. Staunend, auf der Bahn
im Feuer, übersehn wir den Waran.
„Dem Feuer übergeben wir den wan-
kelmütigen Charakter dieser Steine.
Sie stehen für Beständigkeit, das Reine,
Vollkommene. Im Härtetest sodann,
sind sie mit Abstand allem überlegen“,
erklärt die geologische Abteilung
mit eines Mannes Stimme, „zur Beeilung
sei nun geraten, um den wenig trägen
Versuchsablauf in Kürze zu besehen.
Der Diamant wird thermisch übergehen
ins Nichts, weil aller Kohlenstoff verpufft,
wie man ja weiß, als CO2 in heißer Luft.“
Man staunt, um sich das Hirn nicht zu verrenken.
Was tut es uns doch gut, nicht selbst zu denken.
Was tut es uns doch gut, nicht selbst zu denken …
Was braucht man auch als Muschel ein Gehirn?
Man hat ja keinen Kopf und keine Stirn
und will sein Herz auch keinem andern schenken.
Man sitzt herum, es mag nicht viel passieren;
es ist ein Leben voller seel‘ger Ruh.
Wir sehnen uns nach keinem Wanderschuh,
bewegen nur das Wasser beim Filtrieren.
Wir sind so sanft, wir tuen keinem weh.
Falls überhaupt, stößt jemand sich den Zeh
an unsrer Schale; dann hört man Gewimmer.
Und weil wir auch nicht durch die Gegend reisen,
verstehen wir‘s – die Unfallfreien – immer,
Verantwortung weit von uns fort zu weisen.
Verantwortung weit von uns fort zu weisen,
das kam für uns noch niemals in Betracht.
Wir achten aufeinander, halten Wacht,
erkunden, gehen für das Volk auf Reisen,
um neue Futterquellen zu erschließen.
Bedroht man uns und will uns gar ans Leder,
biegt seinen Hinterleib nach vorn ein jeder,
aus dem wir Säure auf den Gegner schießen.
Man nennt uns auch im Wald die Polizei.
Wir packen zu mit kräftigen Mandibeln –
das kann auch manchen Menschen ziemlich zwiebeln –
zerkauen altes Holz zu feinem Mehl.
Beim Brückenbau sieht man uns vielerlei
die Hände halten, Waffen auf Befehl.
Der letzte Vers stellt eine versehentliche Abweichung vom Meister dar, die aber so gut gepasst hat, dass sie beibehalten wurde.
Die Hände halten Waffen. Auf Befehl
sie abzulegen, dürfte nicht gelingen.
Verwachsen sind an ihren Armen Klingen
mit Dornen, und ihr Schlag geht selten fehl.
Da können sie sich noch so frömmelnd geben,
Mantiden sind grazile Prädatoren.
Was sie umarmen: unrettbar verloren!
Sie trachten selbst dem Männchen nach dem Leben.
Wenn das nicht schleunigst nach dem Liebesakt
die Beine in die Hand nimmt, wird‘s gepackt
und darf sich schließlich ganz dem Weibchen schenken.
Damit es dem Gewissen besser geht,
beschließt sie diesen Wortes das Gebet:
„Mit frommer Seele können wir sie henken.“
Der erste Vers stellt eine versehentliche Abweichung vom Meister dar, die aber so gut gepasst hat, dass sie beibehalten wurde.
Sonett 13L - Kreuzspinnen
Mit frommer Seele können wir sie henken,
die unser Bauwerk unbedarft besuchen.
Da können sie auch zetern oder fluchen,
sich bäumen, zappeln oder sich verrenken,
sie bleiben nur an noch mehr Fäden kleben.
Egal wie lang‘s im Einzelfall auch dauert,
nach einer Weile sind sie ausgepowert.
Wir hüllen sie, im allerletzten Beben
in feinste Seide ein, denn so gewandet
wird alles, was in unsren Fängen landet.
Dann schließen wir mit frischem Garn die Schneisen,
die Randalierer gerne hinterlassen,
um uns erneut mit denen zu befassen,
die uns zum Trotz in falscher Richtung reisen.
Die uns zum Trotz in falscher Richtung reisen,
geraten schnell hinaus aus unsrem Schwarm.
Sie landen erst im Magen, dann im Darm
von Räubern, die Solisten – Zack! – verspeisen.
Bleibst du im Schwarm, bleibst du in Sicherheit.
Wir können mit Bewegung irritieren,
wenn wir die Richtung unversehns changieren.
Das nimmt den Jägern die Genauigkeit.
Beim Anblick solcher Schwarmintelligenz
vermögen wir Betrachter nur zu ahnen,
dass sich die individuellen Bahnen
kaum vorberechnen lassen, und so gaffen
wir, hoch beeindruckt von der Resilienz.
Wir sind und bleiben doch nur nackte Affen.
Wir sind und bleiben doch nur Nackte. Affen
bekümmert das kein bisschen, Leoparden,
Giraffen braucht man dazu nicht zu fragen.
Sogar befrackte Pinguine gaffen
verständnislos, auch Kragenbären leider.
Man mag‘s nicht glauben, selbst die eitlen Pfauen,
die sich nur reich geziert ins Freie trauen,
verstummen, reicht man ihnen schöne Kleider.
Allein die Menschen decken ihre Blöße
und – selbst bei Hitze – immerhin die Schöße
mit Leinen, Kaschmir, Samt, Brokat und Loden.
Das eine konnt ich bislang nicht verstehen,
weil wir nie nackte Kandidaten sehen:
Zu Führern wählt man die mit dicken Hoden.
"Heiter bis Wolkig", "Sonetten-Kranz"